jeudi 16 mai 2013

Attendre









NIEDOWIERZANIE - "ATTENDRE" (rur021)
LP - black vinyl - lim. ed. of 198 hand-numbered copies

2011

Poutre Pieuvre
La Boule A Rouffe
O' Baazigar
Napoleon Bonaparte
Lait Fraise
Paranoia
Intermezzo
Mascarade
Mercure
Attendre
Kopf
Soleil Rouge 


Finally the second album by the Berlin-based French multi-instrumentalist. Three years and many live gigs after the self-titled debut, Niedowierzanie’s music has lost nothing of his maestria and exotic flavour. The complex compositions using a variety of acoustic instruments and digital effects still tell us of faraway places, conjuring vivid pictures of south-American landscapes, Mediterranean balconies and eastern harbours. But it has also become more accessible, leaving behind the long experimental pieces and turning instead to shorter, more rhythmic, even danceable songs full of Bohemian romanticism and Mediterranean flair. Dreamy, lazily swaying ballads alternate with somber pieces like funeral marches in the heat and dust of a summer evening, revealing sudden pangs of unease and anguish behind the flowing southern nonchalance. With “Attendre”, Niedowierzanie delivers a masterpiece of Post-Mediterranea worthy of such legends as Novy Svet or Mushroom’s Patience.

"Le registre de Niedwowierzanie est bien différent, tirant ses influences du folklore méditerranéen, tissant un lien évident avec des groupes comme Mushroom's Patience ou Novy Svet. L'instrumentarium est vaste (accordéon, basse, violoncelle, mandoline, guitares, saxophone), mêlé à des arrangements électroniques, parfois lignée IDM. Toujours aussi exotiques que ceux du premier disque éponyme sorti il y a trois ans, les morceaux sont plus courts et accessibles, invitant au voyage ("Napoleon Bonaparte", "Paranoia") ou à des danses folkloriques ("Lait frais", Mercure"). Le panorama est vaste, et les soiurces sonores se multiplient pour offrir un dépaysement vivifiant, jusqu'au morceau de bravoure final: l'écrasant "Soleil Rouge"." (Mäx Lachaud pour Obsküre)
"Auf „Attendre“ ist jetzt aber der giftig-zischende Electronica-Einfluss völlig verschwunden und die melancholisch Akustik-Klänge dominieren in zum Teil langgezogener Drone-Form, wie aber auch unverfremdet. Twang-Gitarren ala David Lunch und vor allem wehmütige Akkordeon-Töne lassen einen in Verbindung mit Feld-Aufnahmen mühelos auf Kopfkino-Reise gehen. Das rein instrumentale Klangbild erinnert so mit seinen küstenaffinen Melodien eher an den mediterranen Folk-Pop in der Art von O PARADIS, NOVY SVET und MUSHROOM’S PATIENCE. Abgerundet wird die sehnsuchtsvolle Fernweh-Platte durch ein schönes Cover-Artwork mit Landschafts- und Tier-Aufnahmen von der chilenischen Hochebene oder den südamerikanischen Anden. Eine großartig romantisch-entspannte Platte im schwarzen Vinyl und bestens geeignet zum „runterkommen“ vom Alltagsstress – natürlich per Hand durchnummeriert auf nur 198 Exemplare." (Marco Fiebag for Black Magazin)
"Niedowierzanie, der auch auf dem letzten Wermut Album “Ether” mitwirkte, offenbart mit “Attendre” ein komplexes wie melodiöses Meisterwerk, das sicherlich Parallelen zu Ô Paradis, Novy Svet und Mushroom’s Patience aufweist, aber im Endeffekt totale Eigenständigkeit versprüht, welche mediterrane Präriestimmung (endlose Einsamkeit) vor Augen führt – meine absolute Empfehlung! PS: Für mich einer der Ausreißer im durchweg genialen Treue um Treue bzw. Reue um Reue Backkatalog!" (Kulturterrorismus)
 Immer wenn man denkt, atmosphärische elektronische Musik sei nun endgültig an ihrem Ende angelangt und friste ein überwiegend epigonales Dasein, stößt man unvorbereitet auf eine Platte, die so gar nicht langweilig und verbraucht klingt und es im Handumdrehen schafft, dass man alle Vorurteile wieder über Bord wirft. „Attendre“, das zweite Album dieses Projektes mit dem polnischen Namen, den ich mir nie länger als zehn Sekunden behalten kann, ist so ein Fall. Niedowierzanie, wie der in Deutschland lebende Franzose Léo sein musikalisches Medium nennt, steht für warme, erdverbundene Klänge und ein ausgesprochen weites Raumgefühl, für dezente, zum Teil melancholisch eingefärbte Exotik und gut durchdachte Kompositionen.
Von der Ausdrucksweise her scheint Niedowierzanie einem magischen Realismus verpflichtet zu sein – insofern, dass ein magischer, ästhetizistischer Grundtenor untrennbar verwoben ist mit allgegenwärtigen Fragmenten der Realität, die fesselnde, stets mit Andeutungen arbeitende Geschichten erzählen. Den vielfältigen, teils folkloristisch eingefärbten Klangzitaten nach zu urteilen spielen diese an ganz unterschiedlichen Orten der Welt. Vielleicht entsteht aus den sonoren Erzählfragmenten die Lebensgeschichte eines Reisenden, dessen Weg irgendwo im Osten Europas beginnt. Er scheint von einer Sehnsucht getrieben zu sein, die intensiv und doch keineswegs sentimental ist. Beflügelt durch Erzählungen der Roma gelangt er irgendwann an die Küste des Mittelmeeres und über die Iberische Halbinsel verschlägt es ihn schließlich nach Südamerika, wo er irgendwo in den Höhen der Kordilliere seinen Lebensabend verbringt. Doch vielleicht ist dies auch nur die Fantasie eines Hörers, der zu sehr in Sound und Artwork von „Attendre“ abgetaucht ist. Rein faktisch bricht sich die Wirklichkeit Bahn in Form von schabenden Sounds, die sich beim Opener inmitten von verhalltem Rauschen bemerkbar machen und entfernt an menschliche Stimmen erinnern, bis sie einer geheimnisvollen Perkussion das Feld überlassen, die aufgrund ihrer Distanz fast desolat wirkt und ihre Ekstatik nur andeutet. Weiter hinten drängen die Alltagsgeräusche unter einer einlullenden Dronefläche und dem smoothen Spiel einer Trompete hervor, und auch hier kann man sie kaum einer bestimmten Klangquelle zuordnen. Man fragt sich, was für Tagesreste sich da in den seltsamen Traum hineingeschlichen haben, der sich wunderbar als kontemplative Siesta kaschiert. Generell ist die Musik eingängiger als auf früheren Aufnahmen des Künstlers, auch wenn die strukturellen Arrangements immer eine leicht unvorhersehbare Note beibehalten, zum Teil Tonfolgen in Erwartung stellen, die dann verweigert werden. Doch zu wirklichen Dissonanzen gerinnt das nie, selbst bei Bläserchaos und sirrenden Noisemomenten.
Die Trompete ist nicht das einzige „echte“ Instrument, dass der Künstler, vom Label als Multiinstrumentalist apostrophiert, den manipulierten Synthieflächen und den zahlreichen Samples zur Seite stellt. Zu einem großen Teil geben sie Assoziationen zu traditioneller romanischer Musik Raum, in ihrer Diversität könnte man glatt von Weltmusik sprechen, wäre der Begriff nicht so hoffnungslos verbraucht. Neben nie einwandfrei klassifizierbaren Instrumenten, die auf gezupften oder per Tastenanschlag stimulierten Saiten basieren, sind vor allem Akkordeon und Cello prominent, sie geben der Musik einen erdigen, souveränen Klang und sorgen mit für ihre flächig-dröhnende Gestalt. Dennoch gibt es auch Passagen, in denen sich die Musik aus der Horizontalen erhebt, und verhaltene Rhythmen Bewegung ins Szenario bringen, im leicht jam-artigen Titelstück hat dies einen zitathaft angedeuteten Jazzcharakter, und zusammen mit dem unmittelbaren Pathos der Melodien denkt man an die südamerikanische Version eines Badalamenti, der mit seinen ätzend-aufreizenden Trompetenklängen so manchen Doomjazzern das Fürchten lehrt – nur um dann wieder zu verschwommenen, melierten Drones zurück zu kommen, die ihre Klimax im großartigen Finale „Soleil Rouge“ finden.
Ich empfehle die schön gestaltete LP, die schon vor ein paar Monaten erschienen ist, weil sie immer noch bei diversen Mailordern geführt wird, aber bei einer Stückzahl von unter zweihundert handnummerierten Exemplaren wird das sicher nicht lange so bleiben. Eine Diskussion zu Sinn und Unsinn des programmatischen Limitierens von Longplayern will ich hier nicht vom Zaun brechen – ganz basal mag dies Fragen der Realisierbarkeit geschuldet sein, und als Statement gegen die PR-Mentalität einer ordinären Kulturindustrie hat eine Musik, die erst einmal gefunden werden will, etwas durchaus Sympathisches. Wenn der neugierig durch unentdecktes Land driftende Musiksucher jedoch, fernab klar definierbarer Millieus und dem oben beschriebenen Reisenden vielleicht nicht unähnlich, dann feststellt, dass sich sämtliche Exemplare schon in den Händen einer exklusiven wie kalkulierbaren Zielgruppe befinden, ist das schon schade. Dies und die Frage, wann in bestimmten Szenen das Sammeln wichtiger wird als das Hören, lässt bei mir gelegentlich das Schlagwort von der Inflation des Raren auf der Zunge jucken. „Attendre“ jedenfalls wünsche ich gehört und nicht gehortet zu werden. (African Paper)
Der unbekannte Mensch hinter NIEDOWIERZANIE – ich habe nur irgendwann den Namen LÉO aufgeschnappt, mehr nicht – lebt in Berlin, also fernab von jeglichem Ozean. Dass er aber irgendeine Verbindung zum Meer haben muss, wird beim Hören seiner melancholischen und endlos weiten Instrumental-Arrangements klar. Ein Blick in die spärlichen biografischen Daten hilft: LÉO (nennen wir ihn einfach so) stammt aus der französischen Hafenstadt Marseille, und ich könnte mir vorstellen, dass es deshalb in seiner Familie den einen oder anderen Seefahrer gab.
Drei Jahre und einige Live-Gigs nach seinem ersten gleichnamigen Album veröffentlicht NIEDOWIERZANIE – was übrigens polnisch ist und 'Misstrauen' heißt – nun mit "Attendre" den Nachfolger des Debüts auf TREUE UM TREUE / REUE UM REUE, der Heimat von WERMUT. Auf deren jüngstem Album "Ether" soll LÉO bereits mitgewirkt haben, und sowohl WERMUT (siehe Besprechung zu "Anna") als auch dem Label ist die Meeresthematik ja nicht fremd. LÉO verwendet für seine Klangteppiche, oder -wellen, um im Bild zu bleiben, viele akustische Instrumente, die er mit digitalen Effekten ergänzt. Auch field recordings spielen eine Rolle, menschliche Geräusche wie Stimmen oder Schritte, in Marseille und angeblich auch auf einer lange andauernden Indienreise gesammelt.
Kürzer und zugänglicher sind die Stücke im Vergleich zum Vorgänger geworden, soweit ein erstes Fazit. "Poutre Pieuvre" (01) startet mit Geräuschen, die Möwengekreisch und Schiffshorntuten ähneln, und einer schrägen, scheppernden Percussion, die unweigerlich an TOM WAITS erinnert. Sofort fällt die ungeheuer starke, melancholische Stimmung auf; eine landschaftliche Weite, die Einsamkeit und – auf angenehme Art und Weise – eine gewisse Verlorenheit suggeriert. Basis der Melange aus akustischen, zum Teil wohl elektronisch verfremdeten Instrumenten ist eben die Percussion und eine gitarrenähnliche Melodie (vom Sound her kommen hier auch ELEMENT OF CRIME in Frage), aber auch rein digitale Einsprengsel verweben sich mit dem Rest. "La Boule A Rouffe" (02) malt traurige, verzweifelte Bilder wie einige Songs von TRISOMIE 21 (etwa "Il Se Noie"), zu denen ein beinahe krankhaftes Hin- und Herwiegen möglich ist; stark organisch, weil Streicher noch dazu kommen. "O' Baazigar" (03) präsentiert zum ersten Mal Stimmen aus field recordings, und endlich – es ist das Instrument, welches ich von Anfang an am ehesten erwartet hätte – setzt ein Akkordeon ein. Der Wüstensand fegt durch staubige Geisterstädte, Grillen zirpen – Wahnsinn, welche Assoziationen NIEDOWIERZANIE mit seinen Liedern heraufbeschwört. Eine Genrefindung ist schwierig, vielleicht melodischer Dark Ambient? Es scheppert und rumpelt im Hintergrund, die Melodien sind nie zu schön oder kitschig, etwa wenn sich Verkehrsgeräusche und kleppernde Töpfe ins Akkordeon hinein schmuggeln.
Lied für Lied erweitert LÉO das Instrumentarium, "Lait Fraise" (05) bietet zum Beispiel ein quäkendes Blasinstrument (Klarinette?). Es folgen allerdings auch Songs, die mehr Dark Ambient sind als andere, etwa "Paranoia" (06). Ein Soundtrack für die Fahrt durch eine trostlose, menschenverlassene Stadt der Zukunft in einem Science Fiction-Film, Drones hängen traurig und bleischwer in der Luft, rumpelige Geräusche begleiten den einsamen Zug, sehr futuristisch und eines der längsten Stücke mit mehr als acht Minuten. Auch "Kopf" (11) wirkt zukünftig, Trompetendrones liegen mit allerhand seltsamen, zwitschernden Geräuschen in der Landschaft. Andere Stücke dagegen wandeln auf den Spuren diverser Roadmovie-Komponisten, in "Mascarade" (08) ist eine Twang-Gitarre von RY COODER zu hören. Am Ende steht mit mehr als zehn Minuten das zweite längere Stück: "Soleil Rouge" (12). Trotz der diversen menschlichen Spuren (u.a. Schritte) ist auch hier die Einsamkeit bis in den letzten Ton hinein spürbar.
Das Cover mit den einsamen Pferden – bepackt zwar, aber ohne die Anwesenheit von Menschen – in einer Wüstenlandschaft vor blauem Himmel hält, was es verspricht: Die Musik von NIEDOWIERZANIE ist romantisch, melancholisch, wehmütig, einsam und wunderschön. Immer wieder erstaunlich im Verlauf dieses Albums, wie eindringlich LÉO diese Stimmungen abruft. Einer meiner neuen Lieblinge auf TUT / RUR! (Michael We. für nonpop.de)



Available on Treue Um Treue/Reue Um Reue Shop